You don´t know how wonderful dirt is
James Joyce im Gespräch mit Siegfried Giedion

 

Ausstellungstext von Elettra Carnelli 

 

Der Zustand der gebauten Umwelt spiegelt unsere Gesellschaft wider: Unser Umgang damit sagt viel über unsere Wünsche, Vorstellungen und Ziele. Architektur und Städtebau stehen im ständigen Zusammenhang mit äußeren Einflüssen und Faktoren, welche die Signatur einer bestimmten Epoche definieren. Die Spuren, die die Zeit und die Menschen hinterlassen, sind jedoch nicht immer leicht zu erkennen: Was ein unaufmerksames Auge als Ruine oder Brache einstufen mag, kann tatsächlich viel über den Zustand eines Ortes, seine Geschichte und vielleicht auch seine Zukunft aussagen. Wie könnten diese Zeichen deutlicher gemacht werden, um die materielle Erscheinung einer Epoche zu thematisieren?

Ein möglicher Ansatz findet sich in jenen künstlerischen Praktiken an der Schnittstelle verschiedener Disziplinen, wo die Konfrontation unterschiedlicher Methoden zu fruchtbaren und unerwarteten Ergebnissen beitragen kann. Bei den Arbeiten von Patrick Ostrowsky steht die Beziehung zwischen dem künstlerischen Prozess und dem umgebenden Raum im Mittelpunkt, sodass die resultierenden Werke an der Schnittstelle von Architektur und Skulptur angesiedelt sind. Die Erkundung von Ostrowskys Werk offenbart nicht nur einen spezifischen kreativen Prozess, der von der gebauten Umwelt inspiriert ist, sondern auch eine Darstellungsmethode, die sich auf den materiellen Aspekt von Orten konzentriert: Reste, Fragmente, Ruinen. Ostrowskys Werke können daher nicht nur für ihre kompositorischen, sondern auch für ihre deskriptiven Merkmale gewürdigt werden, als Momentaufnahmen einer bestimmten Epoche.

  • Die Skulpturen und Wandarbeiten reflektieren somit den Ort, aus dem sie entstanden sind. Objekte und Fragmente, die vor Ort gefunden wurden, sind Bestandteil der Werke und gleichzeitig Zeitkapseln, die die Spuren einer Epoche be- und enthalten. Die resultierenden Kompositionen schaffen eine Rekonfiguration des Ortes, die seinen Geist vermittelt und offenbart. Diese Herangehensweise an Skulptur und Material ist als Reaktion auf eine Vorstellung von statischer Perfektion der gebauten Umwelt und als experimentelle Untersuchung bestehender räumlicher Situationen zu verstehen.

  • Einige Arbeiten ähneln tatsächlichen Fragmenten eines Gebäudes, geprägt von den Spuren der Zeit und des Gebrauchs. Diese Thematisierung der Veränderlichkeit der Stoffe zeigt das Potenzial der Offenlegung von Fehlern und Zufälle, die Teil der Nutzung und der baulichen Produktion der gebauten Umwelt sind. Materialien und Fragmente werden so angeordnet, dass sie sich der neuen Konfiguration anpassen können; dieser Prozess erlaubt eine gewisse Offenheit, die die Arbeit mit unerwarteten Ergebnissen bereichern kann. Somit wirken Fehler und Zufällen an der Reflexion des Bestehenden mit und dienen als Katalysator für Neues. Als Betrachter*in empfindet man eine sinnliche Faszination für diese Skulpturen, man möchte die ruinöse Patina berühren und die Details genauer betrachten: die Materialwechsel, die wandelnden Farben, die stoffliche Aneinanderreihung.

  • Ostrowskys Skulpturen, die in der materiellen Dimension vorgefundener Fragmente seinen Ursprung haben, helfen uns, die materielle Erscheinung des menschlichen und zeitlichen Handelns in der gebauten Umwelt zu visualisieren. Die Prozesse der Transformation, Aneignung oder Veränderung eines Ortes spiegeln sich in Ostrowskys Arbeiten wider: Ihre Spuren bleiben in den Werken erkennbar und tragen die Geschichte eines Ortes weiter. Die Veränderlichkeit von Materialien wird in diesen Skulpturen thematisiert, um die Erfahrung eines Ortes durch das Medium der Kunst greifbar zu machen. Ostrowskys Kunstwerke können daher als zusätzliche oder alternative Darstellung des Zustands eines Ortes dienen, die seine materiellen und immateriellen Eigenschaften enthält und spürbar abbildet. Durch diese Skulpturen kann ein Ort also besser verstanden oder anders betrachtet werden. Ist es nicht das, was Kunst letztendlich tut: uns gewöhnliche oder alltägliche Dinge in einem neuen Licht wiederentdecken zu lassen?

  • Patrick Ostrowsky, *1991 in Schwandorf, Deutschland, lebt und arbeitet in München

    Patrick Ostrowsky

    *1991 in Schwandorf, Deutschland, lebt und arbeitet in München

    untersucht die Skulptur und ihr Verhältnis zum Raum, ihre Funktion und Schnittstelle zu Architektur und Design. Die Theorien der Minimal Art, Post Minimal Art und Land Art fließen vielfach in seine Arbeit ein. Einem ortsspezifischen, experimentellen und prozessorientierten künstlerischen Ansatz folgend, bedient er sich der Technik des Gusses, wobei die Auseinandersetzung mit scheinbar widersprüchlichen Materialeigenschaften und die Aneignung von Alltagsgegenständen entscheidend sind. Patrick Ostrowsky beschäftigt sich mit dem Begriff der Plastizität und dem Spannungsfeld zwischen Material, Prozess und Verbrauch.


    Patrick Ostrowsky schloss 2020 sein Studium als Meisterschüler von Prof. Florian Pumhösl an der Akademie der Bildenden Künste München ab. Des weiteren studierte er an der Universität für angewandte Kunst Wien, an der Accademia di Belle Arti Rom und an der Freien Universität Berlin. Seine Arbeiten wurden in verschiedenen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland präsentiert, wie z.B. im Palazzo Madama Turin, der Pinakothek der Moderne München und dem MACRO di Testaccio Rom.


    mehr zum Künstler

  • Der Ort spielt eine zentrale Rolle für meine künstlerische Praxis. In verschiedenen Facetten nimmt er Einfluss auf meine Arbeitsweise. Es sind die verschiedenen Qualitäten eines Ortes, die mich reizen und mit denen ich mich beschäftige. Als physischer Ort, widerständig und begehbar, und als ideeller Ort, resilient und symbolisch. Dabei interessiert mich besonders die Verschränkung beider Welten, wenn die Umgebung und der Produktionsort sich während dem künstlerischen Arbeiten mischen. 


    Patrick Ostrowsky

  • Die Fragmente und Fundstücke verstehe ich vor allem als Idee eines ‚genius loci‘ (=Geist des Ortes). Sie beinhalten Charakter, vormalige Nutzung und die Aura eines Ortes und verschmelzen Erinnerung, Wissen und Wahrnehmung miteinander.

     

    Patrick Ostrowsky

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